Grußwort von Florian Fuchs beim Symposium „Circus im Nationalsozialismus. Gleichschaltung, Verfolgung, Widerstand“

Grußwort von Florian Fuchs beim Symposium „Circus im Nationalsozialismus. Gleichschaltung, Verfolgung, Widerstand“
22. Februar 2026 Florian Fuchs
Foto Symposiumsteilnehmer

 

Das Symposium „Circus im Nationalsozialismus. Gleichschaltung, Verfolgung, Widerstand“ wurde erfolgreich durchgeführt. Wir haben sehr positive Reaktionen auf die Veranstaltung erhalten und planen nun eine Publikation der Beiträge (und weiterer wissenschaftlicher Arbeiten) in einem Sammelband.

Hier das Grußwort von Florian Fuchs:

 

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Dr. Spieß, liebe Freundinnen und Freunde des Zirkus, liebe Gäste hier in Marburg,

ich begrüße Sie herzlich im Namen der Kulturhistorischen Gesellschaft für Circus und Varietékunst e. V. zu dieser Veranstaltung. Mein besonderer Dank gilt der Stadt Marburg, der Marburger Sparkasse und der Gesellschaft der Circusfreunde für ihr großzügige Unterstützung.

Unser Verein wurde von dem Marburger SPD-Gewerkschafter Rudolf Geller gegründet – aus der Überzeugung heraus, dass die Geschichte der populären Unterhaltung kein Randthema ist, sondern ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen, politischer Machtverhältnisse und menschlicher Handlungsspielräume. In diesem Sinne verstehen wir auch diese Tagung: als Beitrag zur historischen Aufklärung und zugleich zur demokratischen Erinnerungskultur.

Dass wir uns heute mit dem Verhältnis von Circus und Nationalsozialismus befassen, ist kein leichtes, aber ein notwendiges Unterfangen. Der Circus war nicht nur ein Ort des Staunens und der Zerstreuung – sondern ein besonderer Spiegel der Gesellschaft und damit eingebunden in die politischen, sozialen und ideologischen Kräfte seiner Zeit.

Der Circus ist ein kosmopolitischer Raum: international, mobil, vielsprachig, geprägt von transnationalen Familiennetzwerken und beruflichen Solidaritäten. Für viele Artisten war er über Jahrzehnte hinweg ein Ort, an dem Herkunft, Religion oder Staatsangehörigkeit weniger zählten als Können, Disziplin und gegenseitiges Vertrauen. Gerade für jüdische Künstlerinnen und Künstler und andere Verfolgte bot der Circus lange Zeit eine vergleichsweise offene Lebenswelt und im Nationalsozialismus einen Schutzraum.

Wenn wir über diese Geschichte sprechen, müssen wir an die Verfolgten erinnern – an jüdische Zirkusfamilien, an Entrechtete, Vertriebene und Ermordete, an Mut, Überlebenswillen und in einzelnen Fällen auch Widerstand. Das Schicksal der Familie Blumenfeld, aus der rund 150 Menschen ermordet wurden, steht stellvertretend für viele ausgelöschte Biografien. Mit ihnen verschwand nicht nur menschliches Leben, sondern auch ein zentraler Teil der kosmopolitischen, stark jüdisch geprägten Zirkuskultur im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Familien wie Blumenfeld, Strassburger oder Lorch gehörten zu den tragenden Säulen der Branche, bevor Industrialisierung und Großunternehmen neue Strukturen hervorbrachten. Der Nationalsozialismus zerstörte diese Vielfalt bewusst und ersetzte sie durch ideologische Homogenisierung.

Doch so wichtig dieses Gedenken ist: Es ist nicht die ganze Geschichte.

Denn neben Verfolgung und Ausschluss gab es auch Anpassung, Kollaboration und aktive politische Anschlussfähigkeit. Der Circus war nicht nur Objekt der Diktatur – er wurde in Teilen auch zu ihrem Akteur. Der Circus Sarrasani etwa ist ein Beispiel dafür, wie eng Unterhaltung, Selbstdarstellung und Propagandatauglichkeit miteinander verbunden sein konnten.

Oft ging ein tiefer Riss durch die Circusse selbst. Während einige das Regime begrüßten oder von seiner Kulturpolitik profitierten, kam es in anderen Fällen zu Denunziationen unter Kollegen, bis hin zur Zusammenarbeit mit der Gestapo. Gerade deshalb ist die Figur des Zirkusdirektors so aufschlussreich: Er bewegte sich in einem permanenten Drahtseilakt zwischen dem Versuch, seine internationale Belegschaft zu schützen, wirtschaftlich zu überleben und zugleich den wachsenden politischen Anforderungen zu genügen.

Viele Circusdirektoren reagierten mit demonstrativer Anpassung – manche aus Angst, andere aus Kalkül, wieder andere aus Überzeugung. Einige versuchten, ihre Ensembles zu schützen, indem sie Loyalität inszenierten; andere nutzten die Nähe zur Macht gezielt für Aufstieg und Vorteile. Die sogenannte „Flucht nach vorne“ wurde zu einer verbreiteten Strategie. Der Circusdirektor Emil Wacker, über den wir noch hören werden, steht exemplarisch für dieses doppelte Spiel zwischen Anpassung und Eigeninteresse.

Um dieses Spannungsfeld zu verstehen, ist der Blick auf die nationalsozialistische Kulturpolitik entscheidend – insbesondere auf Institutionen wie die Fachschaft Artistik. Der NS-Staat schuf erstmals einen umfassend regulierten Kulturbetrieb, der weniger auf offene Repression als auf Einbindung, materielle Absicherung und soziale Aufwertung setzte. Künstlerinnen und Künstler wurden durch Versicherungen, Tarifordnungen und Privilegien an das Regime gebunden. Loyalität wurde belohnt, Abweichung sanktioniert.

Es entstand eine enge Beziehung zwischen Kultur und Macht: Förderung gegen Gefolgschaft. Diese Logik wirkte auch im Circus. Widersprüche bestimmten den Alltag: einerseits antisemitische Ausgrenzung, andererseits pragmatische Toleranz gegenüber ausländischen Artisten, weil im Krieg Personal fehlte und Unterhaltung politisch gewollt war.

Hinzu kamen die ideologischen Widersprüche des Regimes selbst: Während Menschen aus der sogenannten „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen und vernichtet wurden, erfuhren Tiere eine symbolische Aufwertung. Tierschutz wurde staatlich propagiert, im Circus die „Freundschaft zwischen Mensch und Tier“ inszeniert – eine sentimentale Begleitmusik zu einer zutiefst gewalttätigen Menschenpolitik.

All dies zeigt: Der Circus war ein Ort besonderer Ambivalenz. Er war einst ein kosmopolitischer Schutzraum – und wurde zugleich in die nationalsozialistische Herrschaft eingebunden. Er bot Verfolgten zeitweise Zuflucht – und wurde später selbst Teil von Ausgrenzung und Propaganda. Er war weder automatisch subversiv noch bloßes Werkzeug der Diktatur, sondern ein komplexer sozialer Raum voller Zwänge, Interessen und moralischer Konflikte.

Die Erforschung dieses Feldes ist schwierig. Quellen sind bruchstückhaft, vieles wurde zerstört, beschönigt oder verdrängt. Propagandistische Selbstdarstellungen überlagern persönliche Haltungen, familiäre Überlieferungen sind oft von Trauma oder Rechtfertigung geprägt. Umso wichtiger ist es, Archive neu zu erschließen, Grauzonen ernst zu nehmen und einfache Schuldzuschreibungen zu vermeiden. Mit simplen Dichotomien wie Täter und Opfer kommt man oft nicht weiter.

Dass wir diese Fragen heute stellen, ist nicht nur historisch bedeutsam, sondern auch hochaktuell. In Zeiten des wiedererstarkenden Extremismus, der erneuten Normalisierung von Ausgrenzung und autoritärem Denken gewinnt die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus neue Brisanz. Die Mechanismen von Anpassung, Verführung, materieller Belohnung und schleichender Radikalisierung sind keine Relikte der Vergangenheit – sie gehören zum Grundmuster autoritärer Systeme.

Gerade deshalb ist Erinnerung nicht bloß Rückblick, sondern demokratische Aufgabe der Gegenwart.

Unser Symposium möchte die Verfolgten sichtbar machen, die zerstörte kosmopolitische Circuskultur würdigen und zugleich die Mechanismen von Mitmachen und Macht im Kulturbetrieb des Nationalsozialismus kritisch analysieren – im Geiste unseres Vereinsgründers Rudolf Geller, der Kultur stets als gesellschaftliche Verantwortung verstanden hat.

Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind, um sich auf dieses anspruchsvolle Thema einzulassen. Möge diese Tagung neue Perspektiven eröffnen, Diskussionen anstoßen und dazu beitragen, dieses bislang wenig beachtete Kapitel der Zeitgeschichte differenziert zu verstehen.

Herzlichen Dank und eine erkenntnisreiche Veranstaltung

Florian Fuchs